Haus Jantro 2
Jon · 26.08.2026 · Tag 97 im Großen Zyklus Klarzeit
Handelsgeschäfte
(Szene: Anwesen des Hauses Jantro, Achaion. Am frühen Morgen. Erzählt von Lady Candris Jantro)
Ich hasste diese Frühe, ich hatte sie schon immer gehasst, auch als ich noch im Westflügel gewohnt und niemand von mir nach einer langen Nacht verlangt hatte, dass ich um diese Zeit auch nur die Augen aufmachen sollte. Und ich hasste sie jetzt noch, wo ich Lady dieses Hauses war und es niemanden mehr gab, der mich zwingen konnte, sie zu mögen. Außer Kael natürlich, sein Wort war auch für mich Gesetz.
Ralaya hatte mir eine große Schüssel mit kaltem und einen Krug mit heißem Wasser bringen lassen, obwohl es natürlich Leitungen im Haus Jantro gab und ich im Bad einfach den Wasserhahn hätte benutzen können. Aber Ralaya hielt an dieser alten Sitte fest und ich ließ sie, auch wenn ich wusste, dass sie damit nur ihre Macht gegenüber den einfachen Dienerinnen demonstrieren wollte. Warum auch nicht, genau für derartige Dienste waren Lori und all die anderen Frauen in ihren schmucklosen grauen Kleidern schließlich da.
Ich hatte mich ausgezogen und es störte mich nicht im Geringsten, nackt vor dem Waschtisch zu stehen, mich vorzubeugen und mein Gesicht in das kalte Wasser zu tauchen. Die Scham, die eine Lady vor dem Nacktsein eigentlich haben sollte, empfand ich einfach nicht, wohl, weil ich völlig anders aufgewachsen war als eine anständige, prüde Lady.
Nach dem kalten Wasser fühlte ich mich etwas besser, nicht wirklich gut, aber besser. Der Wein aus Sorana schmeckte am Abend eben nach Euphorie und am nächsten Morgen nach Reue, und ich hatte in der letzten Nacht vier Flaschen davon mit Kael und den Mädchen geteilt, was hieß, dass ich wohl mindestens anderthalb allein getrunken hatte. Die Zahl der Zigarillos, die ich geraucht hatte, wollte ich gar nicht erst zählen.
„Das grüne Kleid", schlug Ralaya vor und es war kein Vorschlag, sondern eine Feststellung. Und dieses grüne Kleid wäre sicher angemessen gewesen für einen langweiligen Nachmittagstee mit ein paar geladenen Ladys, verbarg es doch das, was ich dezent, aber für eine Lady vollkommen unangemessen so gerne zeigte: Haut.
„Nein, Ralaya“, erwiderte ich und hätte fast gelacht über diesen weiteren Versuch, mir ein bisschen Anstand zu vermitteln. Ich hatte keinen, aber ich hielt mich an die Konventionen, wenn ich musste, weil es klüger war. Aber heute morgen musste ich nicht. „Ich gedenke, die Ledermontur anzulegen. Leg sie mir raus.“
„Aber Milady empfängt eine Gesandte“, protestierte Ralaya und sah mich an, als wollte ich nackt zu diesem Treffen gehen.
„Milady empfängt eine Kette“, stellte ich klar und mein Tonfall verriet ihr wohl, dass sie den Bogen besser nicht weiter überspannte. Ich hatte morgens nie gute Laune und zudem keine Bedenken, den Rohrstock auf ihrem hübschen Hintern tanzen zu lassen, und das wusste sie nur zu gut. Sie hatte es erlebt und ich schlug härter zu als die gefürchtete Madame Balusz, obwohl mir bewusst war, wie schmerzvoll und demütigend es sich anfühlte, wenn man sich von jemandem strafen lassen musste und nichts dagegen tun konnte, nur weil dieser über einem stand. Ich hatte es am eigenen Leib erfahren.
„Sehr wohl, Milady“, sagte Ralaya, sah mich einen Atemzug lang an und senkte dann das Kinn. „Wie Ihr wünscht.“
Sie verließ das Bad und natürlich würde sie die von mir gewünschte Kleidung heraussuchen. Ralaya widersprach manchmal, aber sie widersetzte sich niemals wirklich. Hätte sie das jemals getan, wäre sie nicht mehr hier, sondern an eines der Laufhäuser verkauft, in denen die Gardisten der Schutzwehr sich eine Frau für die Stunde vor dem Zapfenstreich aussuchten. Denen war es auch einerlei, wenn eine Laufhure nicht mehr über alle Körperöffnungen verfügte, wie es bei Ralaya nun einmal verhielt. Sie teilte das Los jeder Zofe im Haus Jantro und auch den elf anderen. Nein, sie würde es niemals wagen, sich zu widersetzen, sie tat nur manchmal eine Winzigkeit langsamer, was man ihr auftrug, und das war eben ihre Sprache des Missfallens.
„Wie lange wartet die Kette bereits?", fragte ich, als ich gewaschen und einigermaßen standesgemäß geschminkt aus dem Bad in mein privates Schlafzimmer trat, das selbst Kael höchst selten aufsuchte.
„Sicher beinahe einen Schlag, Milady", erwiderte Ralaya.
„Gut“, sagte ich, steckte mir das Haar hoch und ließ es dann doch wieder fallen. Ich würde es offen tragen, was eine Lady außerhalb des Hauses niemals tat und schon gar nicht, wenn sie jemanden empfing. Aber ich würde das Anwesen nicht verlassen und ich empfing eine Kette, also ließ ich sie offen. „Dann sitzt sie noch eine Weile dort, bis ich unten bin."
Marduc Grenn stand in der Mitte des Raumes, als ich den kleinen Salon betrat, aber nicht aus Höflichkeit, sondern weil sie lange gesessen hatte und wollte, dass ich das wusste. Und ich wusste das natürlich und sie wusste, dass ich es wusste und auch, dass ich mich sicher nicht beeilt hatte. Es war das übliche Spielchen zwischen uns, dass ich nur ausgedehnt hatte, weil sie viel zu früh aufgetaucht war.
Es war wirklich kühl im Salon, in dem ich Besuch empfing, für den der große Salon ein paar Nummern zu groß gewesen wäre. Diese Frau war eine Händlerin und kein Gesandter eines Hohen Hauses. Ich spürte die leichte Kälte an der nackten Haut meiner Oberschenkel zwischen dem Ende meiner Overknee-Stiefel und dem Daum meines kurzen Rocks.
Marduc hatte den Mantel nicht abgelegt, obwohl man ihr das Ablegen sicher angeboten haben würde. Sie war wie immer in diesem satten, dunklen Rot gekleidet, das in Archaion eine geradezu verpönte Farbe war, weil sie den Ketten gehörte. Ihr Haar hing dunkelgrün und ungebändigt fast bis zu ihren Hüften. Sie war in etwa so groß wie ich und ihre Haut ein paar Nuancen dunkler als die meine.
„Lady Jantro", grüßte sie und neigte den Kopf um genau so viel, wie eine Gesandte der Roten Ketten für die Lady eines Hohen Hauses den Kopf zu neigen hatte, aber auch kein Grädchen mehr.
„Marduc“, sagte ich mit einem kleinen Lächeln, setzte mich in den einzigen bequemen Sessel am Fenster des Raumes und schlug die Beine übereinander. „Du bist sehr früh."
„Ihr hattet mich für den Vormittag geladen“, erwiderte sie und zuckte mit den Schultern. „Es ist Vormittag.“
„Der Vormittag beginnt nicht bei Tagesanbruch“, gab ich zurück und verspürte den Wunsch nach einem Glas Sorana-Wein, einem Zigarillo und einer Zunge zwischen meinen Beinen, wie so oft nach einer dekadenten Nacht mit meinem Gatten und zwei äußerst fügsamen Werkzeugen unserer Lust. Ich hätte nichts dagegen gehabt, einfach liegenzubleiben und da weiterzumachen, wo wir aufgehört hatten.
„Für uns schon, Lady Jantro“, meinte Marduc ohne jede Regung und ich wusste genau, dass sie log. Sie war eine Lebefrau und Hedonistin wie ich, nur auf dem Niveau von Sorana, und mochte den frühen Tag genauso wenig wie ich. Und sie wusste, dass ich es wusste, nur nicht woher und ich würde ihr sicher nicht auf die Nase binden, dass sie von der Schattenzunft bespitzelt wurde, obwohl sie das vielleicht sogar ahnte.
Ich lachte leise, wir hatten dieses Gespräch seit ich die Gattin des Oberhauptes des Hauses Jantro geworden oft genug geführt. Immer mit denselben Sätzen und keine von uns hatte je wirklich vorgehabt, den Wortwechsel zu gewinnen, weil es keinen Sinn gemacht hätte, er hatte ja seinen Zweck. Sie kam zu früh, weil sie wusste, dass ich die Zeit am frühen Morgen verabscheute. Und das, obwohl sie selber alles andere als ein Morgenmensch war. Ich dagegen ließ sie warten, weil ich wusste, dass sie es hasste zu warten, obwohl ich nicht besonders gerne trödelte, wenn ich erst einmal aufgestanden war. Eigentlich war das ein wenig hinrissig, aber so lief das Spiel zwischen uns eben.
„Setz dich", sagte ich und deutete auf den harten Stuhl etwas schräg links von mir an der Wand. „Und gib her. Was hast du heute Schönes?“
Marduc setzte soch etwas widerwillig, schlug den Mantel zurück und zog aus einer alten, abgesetzten Ledertasche eine Mappe aus Wachstuch hervor. Die Papiere darin waren mit einer roten Kordel gebunden und trugen das Siegel ihres Hauses, wenn man das, was die Ketten hatten, ein Haus nennen wollte. Kael hätte das definitiv verneint. Sie legte sie auf den Tisch zwischen uns und schob sie mir herüber.
„Ihr werdet nicht enttäuscht sein, Lady Jantro“, sagte sie selbstbewusst und sicher wie immer.
Ich zog die Kordel auf und betrachtete das erste Papier, das drei Aufstellungen enthielt. Es gab immer drei Aufstellungen, seit wir Geschäfte machten, weil Marduc wusste, wie ich es haben wollte.
Die erste war die längste und listete diejenigen auf, die Marduc für den Dienst als einfache Dienerin eingestuft hatte. Meistens lag sie richtig, aber manchmal war auch eine Perle dabei, die höhere Aufgaben übernehmen konnte. Mancui war eine solche gewesen.
Ich überflog die Auflistung mit siebenundzwanzig Posten, jede Position mit Alter, Größe, Gewicht, Haar- und Augenfarbe, Herkunft oder Fundort, Zustand und Bemerkung. Ich las schnell, man lernte das, wenn man es schon lange genug tat, man las nicht mehr alles, sondern erfasste die Unregelmäßigkeiten und Lücken. Wo eine Angabe fehlte, war etwas nicht in Ordnung oder zumindest erklärungsbedürftig.
Bei Nummer neun fehlte die Bemerkung zum Gebiss, bei Nummer vierzehn stand unter Zustand nur „zufriedenstellend“ und nicht „gut“ oder „sehr gut“, wie bei allen anderen, und bei Nummer einundzwanzig war das Alter mit einer Spanne angegeben statt mit einer Zahl, was hieß, dass niemand das Alter wusste.
„Nummer neun, vierzehn, einundzwanzig", sagte ich, ohne aufzusehen. „Warum stehen die überhaupt auf deiner Liste?"
„Weil sie trotz allem keine Schundware sind“, entgegnete Marduc. „Ich habe Euch noch nie Schund angeboten, Lady Jantro. Das wisst Ihr.“
„Ja, das weiß ich und werde dir da nicht widersprechen“, meinte ich und blätterte weiter. „Du weißt, was das Haus Jantro selbst für den einfachen Dienst wünscht. Hier läuft nichts über die Flure, was ich nicht ansehen mag."
„Ja, ich weiß, was Ihr wünscht, Lady Jantro“, bestätigte Marduc. „Meine Aufgabe ist es, Euch das anzubieten, was meiner Ansicht nach für Euer Haus in Frage kommt. Ich habe weit mehr Ware als nur diese siebenundzwanzig und das meiste davon ziehe ich für Jantro nicht einmal in Betracht.
Ich lachte leise, weil sie recht hatte, Anbieten war ihre Aufgabe, Streichen die meine. Ich wusste, dass sie mir ihre Ware als erste anbot und erst dann das Übriggebliebene den anderen Häusern. Und das sicher nicht, weil sie mich mochte, sondern weil ich am besten zahlte und durchaus auch Geschäfte machte, die die anderen Häuser niemals machen würden.
Die zweite Aufstellung war mit neun Posten deutlich kürzer, die Beschreibungen wurden länger und enthielten sogar Fotos. Hier ging es nicht mehr nur um das richtige Alter und den richtigen Zustand, das wurde vorausgesetzt, sondern darum, ob die Ware lesen und schreiben, vielleicht sogar rechnen konnte und ob sie ein Instrument beherrschte. Es ging um Schönheit und Ästhetik, darum, wie sie auftrat, sich bewegte und ob sie schwieg, wenn man es ihr befahl. Und ob sie klug war, das war etwas, auf das ich zuerst schaute. Schöne Huris waren teuer, wenn sie gut erzogen worden waren, aber nur schöne und zugleich kluge Huris waren auch nach zwei oder drei Umläufen noch etwas wert.
Die anderen Häuser kauften Gesichter, aber ich kaufte Frauen, die sich an einem Tisch zwei Schläge lang unterhalten konnten, ohne dass ein Lord aus dem Haus Ryne oder Trumpey merkte, dass er die ganze Zeit über selbst geredet hatte. Ich hatte ein Gespür dafür, welche Frau ihren Weg gehen würde, und musste selten während der Ausbildung aussortieren. Und genau deshalb brachte Jantro die besten Huris Achaias hervor. Nicht, weil sie schöner waren, Schönheit konnte jeder beurteilen, sondern weil meine Huris mehr waren als nur schön.
Bei der Nummer vier hielt ich an, legte die Stirn in Falten und betrachtete ihr Foto. Sie war drei Umläufe und eine Jahreszeit alt, nur etwas mehr als fünf Spannen und drei Finger groß, was mir eigentlich zu klein war, und hatte eine satte dunkelgrüne Haut und helle, fast weiße Haare mit einem leichten Grünstich. Sie war wirklich eine Schönheit und stammte aus Forlyn, aber am meisten interessierte mich die Bemerkung „sehr intelligent, aber äußerst widerspenstig.“
„Was genau bedeutet ‚äußerst widerspenstig‘ bei Nummer vier?" fragte ich schmunzelnd.
„Sie hat einem Aufseher die Nase gebrochen“, gab Marduc zurück und zuckte mit den Schultern. „Sie ist ziemlich wild.“
„Das ist wohl so“, murmelte ich und merkte mir Posten vier vor. Widerspenstig hieß bei den Ketten normalerweise, dass solche Ware an ein Haus ging, das sie brechen würde. Im Haus Jantro hieß es etwas ganz anderes, denn solche Ware hatte etwas an sich, was man nur im eigenen Sinne formen musste, statt es zu brechen. Wenn man wie ich und Madame Carun wusste, wie man damit umzugehen hatte und weil wir im richtigen Haus dafür lebten, konnte man etwas erschaffen, das Jantro zur Ehre gereichte.
„Keine Rothaarige?“ fragte ich, obwohl ich natürlich gelesen hatte, dass keine dabei war.
„Nein“, erwiderte Marduc. „Ihr wisst, dass Rothaarige selten sind, Lady Jantro.“
Das wusste ich allerdings, es gab sie fast nur auf dem Festland, dessen Existenz die meisten Menschen auf Achais bestritten. Das Festland war eine Sage für sie, nichts weiter. Ich wusste es besser, auch wenn ich nie dort gewesen war.
Ich nickte nur und kam zur dritten und letzten Aufstellung, die wie immer die kürzeste war und heute nur vier Posten auflistet. Es waren Geschenke, Ware von erlesener Schönheit und ansonsten wenig mehr, die zu schade war für den einfachen Dienst und in Jantros Augen für eine Huri nicht taugten. Es gab oft genug Anlässe, zu denen ein Hohes Haus einem anderen etwas schenken musste. Ein Kimyon, der heiratete, ein Yorc, der ein Enkelkind bekam, ein Narcim, dem man einen Gefallen schuldete, der mit Geld nicht zu bezahlt werden konnte, weil Geld einen Wert sehr exakt benannte, den eine schöne Frau nur andeutete. Und worüber freuten sich die meisten Lords mehr als über eine schöne Frau, die ihr Eigentum wurde?
Hierfür kaufte ich anders ein, nicht hübsch und brauchbar wie für den einfachen Dienst oder schön und klug für Huris, sondern außergewöhnlich und auffällig. Frauen, von denen jeder wissen würde, von wem sie geschenkt worden waren, was Jantro mehr nutzte als dem beschenkten Haus.
Ich sah mir die vier Posten an und dachte wie immer, dass diese Ware nur dekorativ war und sonst gar nichts, aber der Beschenkte konnte sie nicht einfach entsorgen, weil dies ein Affront gegenüber Jantro sein würde und einen Affront scheute jedes Haus, weil daraus in der Welt vom Achaion schnell ein gesellschaftlicher Skandal werden konnte, den niemand entfachen wollte, es sei denn, ein Skandal war genau das Ziel, was durchaus vorkam. Der Kauf von Geschenken war für mich stets ein unangenehmes Tun, denn man selber konnte mit ihnen nichts anfangen, weswegen man sie bis zum richtigen Anlass am Hals hatte, und brauchte sie dennoch. Zudem musste man sorgfältig wählen, weil eine schlecht gewählte Gabe auf das Haus zurückfiel, das sie gegeben hatte.
„Hm“, machte ich, während ich einen Moment die vier Fotos betrachtete, dann die Mappe schloss und meine Hand darauf legte. „Ich werde das später noch eingehender prüfen und dann bestellen. Ich benötige akut keine neue Ware für den einfachen Dienst, werde dir aber dennoch fünf oder sechs abnehmen, da eine gewisse Reserve niemals schadet. Was die Huris angeht, hast du meine Wahl gehört. Nummer Vier, Sieben und Neun. Über eine weitere werde ich noch nachdenken.“
„Natürlich, Lady Jantro“, nickte Marduc. Etwas in ihrem Gesicht bewegte sich ein ganz klein wenig, weil sie gewusst hatte, dass ich Nummer Vier nehmen würde. Sie hatte die Bemerkung deswegen hineingeschrieben. Und sie wusste, dass ich meine Zusagen einhielt, ich kaufte zumeist, was ich reservierte, und sie hatte also schon drei Geschäfte recht sicher in der Tasche. „Was ist mit den Geschenken?“
„Ich nehme alle vier“, entschied ich. „Es wird in der nächsten Zeit genügend Anlässe für Geschenke geben.“
„Gut“, sagte Marduc und versuchte, sich ihre Zufriedenheit nicht anmerken zu lassen. „Wann werdet Ihr abschließend bestellen?“
„Wenn ich abschließend geprüft habe“, sagte ich bestimmt und stand auf, was sie zum einen dazu zwang, ebenfalls aufzustehen, wenn sie das Protokoll nicht verletzen wollte, was sie nicht wollte und was ihr in Achaion auch nicht gut bekommen würde, und zum anderen bedeutete, dass die Unterredung beendet war. „Du bekommst meine Bestellung in Bälde.“
„Sehr wohl, Lady Jantro“, sagte sie und senkte das Kinn, weil sie wusste, dass ich sie nun entlassen würde.
„Gut, Marduc“, sagte ich, ging zur Tür und hielt sie ihr selbst auf, was eine Unhöflichkeit und auch so gemeint war. „Und das nächste Mal kommst du nicht vor dem elften Schlag, sonst sitzt du hier in diesem kalten Salon bis du blau wirst."
„Da wäre noch etwas, Lady Jantro“, sagte Marduc. Sie lachte leise, blieb stehen und ging nicht durch die Tür. „Falls es Euch interessiert. Ich führe spezielle Ware mit.“
Ich schloss die Tür sofort wieder und sah sie mit erhobenen Augenbrauen an. Speziell hieß, dass sie etwas anzubieten hatte, was nicht registriert worden war, obwohl jeder Fang und jeder Verkauf laut Gesetz registriert werden musste. In Achaia gehörte jedes Stück Ware registriert, aber Marduc bot mir gelegentlich Ware an, die eben nicht registriert worden war, Ware die somit offiziell gar nicht existierte. Sie tat das, weil das Haus Jantro unregistrierte Ware nahm, was in Achaion eher unüblich war und die anderen Häuser nicht taten. Dafür gab es einen Grund, nach dem Marduc genau einmal gefragt hatte, sie hatte wissen wollen, warum das Haus Jantro Unregistrierte kaufte, aber ich hatte ihr damals nicht geantwortet und sie hatte nie wieder gefragt. Das war einer der Gründe, warum wir gut miteinander auskamen.
„Wie viele?" fragte ich und dachte an die Möglichkeiten, die unregistrierte Ware eröffnete. Man konnte mit ihr aus dem Nichts Lebensläufe erschaffen, Personen mit einer Vita kreieren, die nützlich werden konnte. Und das Haus Jantro war gut darin geworden, Dokumente zu fälschen.
„Fünf“, antwortete Marduc. „Sie sind vom Festland gekommen. Mit den Booten, aber nicht in der Bucht der Boote angelandet, sonst hätten wir sie nicht fangen können. Sie müssen abgedriftet sein, es war kein Bootsführer dabei und wir nehmen an, dass die meisten ertrunken sind. Das Meer vor Forlyn ist rau, vor allem, wenn man zu weit nach Osten gerät.“
„Und die Ketten wissen noch immer nicht, wer dahinter steckt“, sagte ich. „Wer diese Frauen vom Festland holt und nach Achais bringt. Und auch nicht, warum.“
„Nein, das wissen wir noch immer nicht“, bestätigte sie. „Oder besser gesagt, ich weiß es nicht. Es mag Ränge über mir geben, die es wissen.“
Ich lächelte leicht, weil ich wusste, dass die Führung der Ketten tatsächlich nichts darüber wusste. Manchmal war es ein Segen, derart gute Verbindungen zur Schattenzunft zu pflegen wie Jantro sie pflegte.
„Der Wagen steht am Lieferantentor, Lady Jantro“, fuhr Marduc fort. „Eure Garde lässt ihn nicht herein, solange es niemand anordnet."
„Das ist ihre Aufgabe“, sagte ich mit einem leisen Lachen, zog die Tür wieder auf und trat auf den Flur. Der Gardist an der Wand richtete sich sofort auf.
„Sag dem wachhabenden Offizier, er soll den Wagen der Kette hereinlassen“, wies ich ihn an. „An die Remise. Nicht zu viel Aufsehen.“
„Sehr wohl, Milady“, erwiderte der Gardist, senkte kurz das Kinn und stapfte von dannen. Einen Moment fragte ich mich, ob er wohl einen Rüffel bekommen würde, schließlich war mein Schutz seine Aufgabe und er konnte sich nicht darauf berufen, dass ich es befohlen hätte. Ich verfügte nämlich über keine Befugnisse über die Garde, aber wer würde es schon wagen, der Gattin von Lord Jantro zu widersprechen?
„Komm“, sagte ich zu Marduc. „Sehen wir uns deinen Fang an.“
Draußen war es hell geworden, ohne warm zu sein, und der Kies des Wirtschaftswegs war noch feucht vom Nachttau. Meine Absätze sanken ständig ein, aber das war nur das übliche Ärgernis, wenn man als Lady draußen herumlief, was eine Lady eigentlich auch nicht tun sollte.
Nun wusste ich auch, warum derart unverschämt früh eingetroffen warm In Achaion fuhren die Transporte in der Frühe, weil sie immer in der Frühe gefahren waren, und niemand konnte noch sagen, warum doch das so verhielt. Schließlich war ein Käfigwagen auf den Straßen des Inneren Kreises in etwa so bemerkenswert wie ein Kohlenkarren.
Man hörte diese Wagen, bevor man sie sah. Ein tiefes, gleichmäßiges Stampfen ertönte, dann folgte das Zischen, als der Fahrer Druck abließ, und darüber lag metallisch und ein wenig süßlich der Geruch von Achalith, das für alles, was nicht von Menschen, Pferden oder Ochsen gezogen wurde, als Treibstoff diente. Man roch Achalith an jeder der größeren Straßen, und ich bemerkte ihn längst nicht mehr, außer am frühen Morgen, wenn mir alles zu laut und zu deutlich war.
Der Wagen rumpelte den Weg vom Lieferantentor herauf und hielt leise schnaufend vor der Remise. Vorne sah ich schwarz und verrußt die Maschine mit dem großen Kessel und den unzähligen Messingarmaturen, dahinter folgte der Aufbau, auf dem ein gutes Dutzend der Käfige stand, in denen man gemeinhin derartige Ware transportierte. Die meisten Käfige waren leer, aber in fünf davon standen Frauen so, wie man mit ihnen eben verfuhr: nackt und mit über den Köpfen gefesselten Händen.
Der Fahrer ließ noch einmal Dampf ab, stieg aus und stellte sich neben das große Rad. Sein Blick streifte mich kurz und er senkte das Kinn nur angedeutet, so wie Männer der Ketten es taten, wenn sie einer Frau aus einem der Hohen Häuser begegneten. Dann sah er zu Boden und tat so, als wäre ich gar nicht da.
Ich trat neben Marduc und betrachtete die fünf Frauen in den engen Käfigen, in denen sie sich auch ohne ihre Fesselung kaum hätten bewegen können. Man konnte in diesen Käfigen nur stehen, alles andere ließ die Enge nicht zu. Es war kühl, die blaue Sonne würde zu dieser Jahreszeit erst in einem Schlag an genügend Kraft gewinnen, um den Platz zu erwärmen. Die Frauen froren, das zeigten ihre hart aufgestellten Brustwarzen.
Ich ging die kurze Reihe entlang und sah mir die fünf genau an. Bei allen hatte die Haut diesen tiefen und satten Ton, ein so dunkles Grün, das es auf Achais kaum noch gab. Es war nicht dieses Grün, das man bei den Frauen aus Forlyn oder Sorana schon für dunkel hielt, es wirkte noch ein paar Nuancen tiefer. Und alle fünf waren jung, drei Umläufe und höchstens eine Jahreszeit, wenn überhaupt eine ganze, schätzte ich, und auffällig schön, nicht hübsch wie die Frauen für den einfachen Dienst hübsch sein mussten, damit sie über meine Flure laufen durften, und schöner als eine Huri sein musste. Nach einer solchen Wäre würden sich alle Händler die Finger lecken.
„Soso“, sagte ich und schaute über die Schulter zu Marduc. „Da haben also ausgerechnet die fünf Schönsten den Weg in die Hände der Ketten gefunden. Welch ein Zufall.“
„Nicht, wahr?“ gab Marduc zurück und lächelte unverbindlich. Sie wusste, dass ich ihr ihre schöne Geschichte von vorhin nicht glaubte, aber sie würde mir die Wahrheit nicht sagen.
Ich wandte mich wieder der Ware zu. Die fünf waren bei aller Schönheit beileibe nicht makellos, die in der Mitte trug am linken Oberarm eine alte, schlecht verheilte Wunde, das Bein der ersten von links zierte ein tiefer, frischer Kratzer und ich sah aufgescheuerte Fußknöchel und blaue Flecken an allen, aber da war nichts, was die Medizin von Achaion nicht würde heilen können.
Ich ging noch einmal die Reihe entlang und sah nun in ihre Gesichter. Die erste mit dem Kratzer am Bein hielt den Kopf gesenkt und die Augen fest geschlossen, als könnte sie so das ausblenden, was mit ihr geschah. Die zweite sah mich direkt an und ich erkannte den Trotz in ihrem Blick. Die dritte betrachtete mich seltsam neugierig, als würde sie schon ausloten, wie man hier am besten überlebte. Die Augen der Vierten waren voller Zorn und Hass, sie würde ein schwieriger Fall werden, aber das war etwas, was ich mochte. Die Fünfte lächelte entrückt, als wäre sie nicht in der Wirklichkeit. Keine von ihnen trug ein Zeichen, das ausgesagt hätte, dass sie jemals jemanden gehört hatten, keine Brandmarken, keine Symbole oder Wappen und keine Ringe durch Nase oder Brustwarzen. Diese Frauen waren frei gewesen, bis sie aus irgendeinem Grund in eines der Boote gestiegen waren, das sie nach Achais gebracht hatte, und in die Fänge der Ketten geraten waren.
Ich wollte mich gerade Marduc zuwenden, als die in der Mitte etwas sagte. Es waren zwei, drei Sätze, die sie an mich richtete, und ich verstand vielleicht die Hälfte davon. Die Wörter mochten unsere sein, aber sie kamen zu langsam und zu weich, mit gedehnten Vokalen und Endungen, die bei uns seit Generationen niemand mehr sprach, und dazu kam etwas, das ich überhaupt nicht einordnen konnte.
„Sie sprechen Kette", sagte Marduc hinter mir und nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob es Zufall war, dass wir diese Sprache abfällig Kettensprache nannten und die Roten sich selber Rote Ketten.
„Ich höre es“, erwiderte ich und drehte mich zu ihr um. Ziemlich sicher stimmte von Marducs Geschichte mehr oder weniger gar nichts. Normalerweise kamen die Boote vom Festland in der Nacht an, in der das Glimmen den Himmel beherrschte, aber das Glimmen würde erst in zwei Sonnen erscheinen. Nein, Marducs Geschichte stimmte ganz und gar nicht. Oder aber eines der Boote hatte sich früher auf den Weg gemacht als üblich, aber das war noch nie geschehen.
„Wenn man langsam spricht und sie langsam sprechen, kann man einander verstehen“, meine Marduc und an ihrem Blick erkannte ich, dass sie ahnte, dass ich ihre Geschichte bezweifelte.
„Ich nehme alle fünf“, sagte ich, ohne auf ihre Anmerkung einzugehen. Die Tatsache, dass sie mir nicht sagte, woher diese fünf Schönheiten tatsächlich stammten, mochte zum typischen Spiel der Ketten aus Wahrheit und Lüge gehören, aber das war ein Spiel, das wir in Achaion besser beherrschten als die meisten anderen. Schließlich waren wir die Marionettenspieler…