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007

Was im Riegel passiert, bleibt im Riegel

Kathy · 21.08.2026 · Tag 92 im Großen Zyklus Rote

Gegen Nachmittag des dritten Tages war der Rost weg und damit auch die letzte Kraft. Jetzt spürte man, dass man seit zwei Tagen kaum geschlafen hatte und auf dieser Holzbank saß. Man roch nun wieder die Menschen, und das Schlimme war: Die meisten wurden jetzt nicht klarer, sondern die Gefahr, dass jemand hochging, war am höchsten. Sicher, das rote Licht kam hier nicht herein, aber wir alle hatten ein paar der Strahlen abbekommen, das ließ sich nicht vermeiden.

Selbst der Orden konnte die Zeit nicht so genau bestimmen. Ich wusste es meistens viel früher als die anderen, und ich hatte irgendwann angefangen zu zählen — nicht Stunden, dazu bräuchte man ein Messgerät, und wir kannten all diese Dinge nicht. Es waren die Muster und irgendein Sinn, den ich nicht beschreiben konnte. Meine Mutter hatte ihn und ihre Mutter auch. Ich wusste einfach, dass wir noch zwei Tage vor uns hatten. Ich wusste auch, dass es keinen Sinn hatte, es zu wissen. Ich konnte es niemandem sagen, denn die wenigsten hätten mir geglaubt, und der Orden sagte uns, wann es vorbei war, niemand sonst.

Über uns waren die Kinder, man hörte sie selten. Manchmal ein Poltern, ein Lachen oder ein Weinen, nie wirklich lang, nie wirklich so, dass die Eltern, die hier saßen, sich Sorgen machten. Es waren elf Halbwüchsige und an die vierzig Kinder, die keiner von uns die gesamte Zeit zu Gesicht bekam. Ihr Pigment war nicht so anfällig, es entwickelte sich erst mit der Zeit, genauso wie die Fähigkeit, aus der Sonne Nahrung zu ziehen.

Der Raum war kindgerecht eingerichtet: viel Spielzeug, Essen, das nicht zubereitet werden musste und für alle reichte, ein Bad, eben alles, was man brauchte. Dazu weiche Betten. Ich erinnere mich selbst kaum noch an die Zeit, als ich klein war, wohl aber an die, in der wir die anderen versorgt hatten — wobei ich nur einmal dabei gewesen war. Danach war ich als Bewahrerin ausgewählt worden.

Meine Gedanken wurden unterbrochen, weil Sallik redete. Eigentlich nichts Besonderes, er tat es in diesen Tagen oft und eigentlich immer, doch seine Worte ließen mich aufhorchen.

„Sechzig", sagte er und machte eine Pause. „In der Neunten waren sechzig Plätze."

Niemand schien ihm antworten zu wollen. Warum auch, es gab dazu nichts zu sagen, was wir nicht ohnehin alle wussten.

„Sechzig Zeichen", fuhr Sallik fort.

Ich sah, wie Kirre den Kopf hob und sich anders hinsetzte.

„Die sind jetzt frei", meinte Sallik. „Sechzig Plätze in einer Halle, die niemand mehr belegt. Das ist mehr, als die Sechzehnte überhaupt hat."

„Lass es." Kirres Stimme war deutlich.

„Ich frag ja nur, wer sie kriegt."

An diesem Punkt veränderte sich die Stimmung im Raum. Ich spürte es an mir selbst, ich spürte es, noch bevor die anderen es fühlten. Es hatte niemand von Toten gesprochen, es hatte niemand gefragt, wo diese Menschen hingegangen waren oder gerade sind. Doch jeder von uns konnte sich die Zahl sechzig vorstellen; das gehörte zu unserem Beruf.

Ich schob die Gedanken weg, die unwillkürlich kommen wollten, doch mit diesem Atemzug spannte sich meine Kette. Ich ballte die Fäuste, und es gab ein knirschendes Geräusch. Ein paar Reihen vor mir hörte ich dasselbe Geräusch. Ich war nicht allein.

„Sallik", sagte Kirre.

„Ich sag doch nur —"

„Sallik."

Endlich trat für einen Moment Schweigen ein. Doch die Worte waren gesprochen, und die Stimmung, die nun im Raum war, war nicht mehr aufzuhalten.

„Boll", hörten wir. Es war Rakke, die Stimme erkannte ich unter vielen. Er sagte den Namen seines Sohnes, so wie man sein Kind eben ruft. Es war kein Befehl, aber es lag etwas darin, das uns alle aufhorchen ließ.

Boll erstarrte ein wenig, er rührte sich nicht. Er hielt nun schon drei Tage durch, an der Seite von Nissa, die ihre Hand auf die Kiste zwischen ihnen legte, als wüsste sie, was kommt.

„Boll, du musst mich jetzt befreien", hörte ich Rakke sagen.

Mir wurde kalt. Wie gern hätte ich vermieden, dass Boll ausgerechnet miterleben musste, wie sein Vater in diesen Zustand der Raserei geriet — denn mir war klar, dass es passieren würde.

„Boll, ich sagte, mach mich los. Es ist vorbei, wir können gehen, ich schmecke es."

Alle sahen zu Rakke, und wir alle wussten, es half nichts, ihm zu widersprechen.

Boll selbst rührte sich nicht. Er saß da, wir sahen, wie er die Muskeln anspannte, und dann sah er vor sich auf den Boden.

„Ich weiß, was sie dir sagen, Boll, aber es ist nicht wahr. Hör auf mich, befrei mich, die Sonne ist weg, wir können spielen gehen, du bist der Einzige, der das kann." Die Stimme wurde eindringlicher, lauter.

Neben mir schloss Bewe die Augen. Sie hatte es viel öfter erlebt als ich. Es war jedes Mal dasselbe: Wir sahen zu, wie ein Kind lernte, gegen die eigenen Eltern zu bestehen. Es war so wichtig, so notwendig.

„Boll, ich werde dir alles geben. Ich werde dich versohlen. Du bist nicht mehr mein Sohn, wenn du mich nicht losmachst!", schrie sein eigener Vater in seiner Raserei, die nun voll durchkam. Die Kette klirrte, aber sie hielt ihn fest an seinem Platz.

Nur einen Sitz weiter saß Neve. Sie war bei sich, und sie sagte nichts, wie wir alle anderen. Sie blickte nur zu ihrem Sohn und nickte. Sie nickte, weil sie sah, wie er kämpfte, sich nicht zu bewegen, nicht auf seinen Vater zu hören, der gerade nicht bei Sinnen war. Sie sprach nicht, sie hielt nur den Blick auf Boll, der immer nervöser wurde.

Nissa ließ die Hand auf der Kiste, während sie den Blick auf Boll richtete und sich leicht zu ihm beugte. Auch sie sagte nichts zu ihm. Doch in ihrem Blick lag die Sicherheit, die Boll wohl brauchte, denn ich sah, wie er sich langsam zurücklehnte.

Rakke brauchte noch eine kleine Ewigkeit, bis es nachließ und er in sich zusammensackte. Es kam mir lange vor, zu lange für Boll, der zwischendurch seine Mutter angesehen hatte, dann den Boden und sich schließlich auf seinem Platz zusammengerollt hatte, als würde es damit aufhören.

Die Stille, die nun herrschte, war nicht erleichternd. Sie war schlimmer. Denn es drang einem ins Bewusstsein, was wir da durchlebten.

Schließlich war es Neve, die die Stille durchbrach und über den Winter sprach, über die Fässer, die man noch brauchen würde. Rakke antwortete, und auch die anderen nahmen die Gespräche über Fische und Vorräte wieder auf. Das war es, was wir immer taten: Wir planen für den Winter, wir rasen, dann planen wir. Ein Kreis, den wir immer wieder fanden.

Nissa hatte ihre Hand zurückgezogen. Sie hatte Boll etwas zu essen gegeben, und die beiden sprachen nun leise miteinander. Ich ahnte, was Nissa ihrem Schützling erzählte, denn sein Körper entspannte sich merklich.

Zwei Tage noch, dachte ich bei mir. Danach würden alle ihrem Tagwerk nachgehen, und niemand würde über die Situation sprechen. Was im Riegel passierte, blieb im Riegel und war nie geschehen. Wir sagten das, damit man einander hinterher noch ansehen konnte, reden konnte, gemeinsam arbeiten konnte. Es funktionierte gut, denn es war für uns alle ein heiliger Pakt. Doch wir alle erinnerten uns, und wir alle vergaßen nicht, auch wenn nie jemand darüber sprach.

Ich schloss die Augen. Auch wenn es nicht bequem war, half ein wenig Schlaf über die vielen Stunden in diesem Raum.