Die Anhörung
Kathy · 23.08.2026 · Tag 96 im Großen Zyklus Klarzeit
Sie kamen am Morgen, und sie waren zu zweit. Ich war noch nicht lange im Zunfthaus eingetroffen, vielleicht ein paar wenige Momente, wer wusste das hier schon genau. Das Klopfen hatte uns alle aufsehen lassen. Es war Bewe gewesen, die ihnen die Tür öffnete, ich hatte von meinem Platz auf der Bank aus zugesehen. Bewe hatte einen Schritt nach hinten gemacht, etwas, das sie nie tat. Sie hatte hundertvierundachtzig gesehen, und in diesem Alter musste sie vor fast niemandem in dieser Stadt zurücktreten.
Doch das war das eine, das andere war die plötzliche Stille. Sogar der Koch hörte auf, im Topf zu rühren. Seltsam, dass mir das auffiel, aber er starrte zur Tür wie wir alle. Die beiden traten ein. Ihre langen dunklen Roben waren aus feinen Fasern gewoben, die wir uns alle nicht hätten leisten können. Die dunklen Kapuzen waren tief ins Gesicht gezogen, und so war es mir unmöglich zu erkennen, wer da meinen Namen aussprach.
„Marreke."
Es war der Vordere, und es lag keine Frage in meinem Namen, sondern ein Befehl.
Ich hatte ja damit gerechnet, und trotzdem war ich nicht darauf vorbereitet. Mein Körper reagierte, meine Hände wurden kalt, und der Rest von mir fror auf einmal. Ich dachte an meinen Mantel, und noch während ich aufstand, sagte ich: „Ich hole meinen Mantel."
Doch ich wurde unterbrochen. „Das ist nicht nötig."
Wieder diese Stimme, die keine Widerworte zuließ. Mein Kopf hob sich leicht. Es war nicht wirklich kalt, ich brauchte keinen Mantel. Ich hatte gefragt, um das Unvermeidliche hinauszuzögern, und wir alle in diesem Raum wussten es. Schlimmer noch, SIE wussten es.
Kirre stand hinter mir auf. Der Größere der beiden sah sie an, ein kurzer, langer Blick, dann setzte Kirre sich wieder.
Ich warf den anderen einen Blick zu. Niemand redete, und auch das blieb in meinem Kopf, während ich sah, wie die beiden sich umdrehten und mich in ihre Mitte nahmen. Man hätte nicht zwei schicken müssen, ich wäre so oder so mitgegangen. Aber sie waren zu zweit, und das sagte doch etwas. Oder nicht?
Wir schwiegen, während wir auf den Ordenspalast zugingen. Haus passte einfach nicht, Palast war auch zu groß, aber es war trotzdem das mächtigste Gebäude auf ganz Talvenn, so glaubte ich. Viel mehr gab es ja nicht. Woher die Boote kamen, war mir noch nie klar gewesen.
Als wir in das große Gebäude traten, flutete mich die Erinnerung. Ich war mit meiner Mutter hier gewesen, als Kind, um mein Ankerzeichen abzuholen, und später noch einmal, als sie dort zu tun gehabt hatte. Es war der Tag gewesen, an dem ich versucht hatte, das große Metallwrack zum Klingen zu bringen. Ich erinnere mich, dass meine Mutter ihr Gesicht verdeckt hatte, als sie zurückgekommen war. Ich war ein Kind. Erst heute kam mir in den Sinn, dass irgendetwas nicht gut gelaufen sein musste.
Ich hatte den Palast anders in Erinnerung, heller. Aber hier war es nicht hell, es strahlte etwas aus, das ich nicht greifen konnte.
Wir passierten den öffentlichen Teil, dort, wo Menschen warteten, ihr Anliegen loswerden zu dürfen. Wir gingen an ihnen vorbei, und ich fühlte die Blicke auf mir. Ich konnte ihre Gedanken förmlich lesen, und ich teilte sie.
Wir folgten einem Gang, der langsam, aber stetig abwärts führte. Je weiter wir gingen, desto weniger Fenster gab es. Aber es gab Licht. Sehr viel Licht. Alle paar Meter eine Lampe, und ich konnte das Öl riechen.
Wie seltsam, woran man denkt, wenn man in einer solchen Lage ist. Der Geruch begleitete mich, und ich rechnete aus, wie viel Öl man hier am Tag wohl verbrannte, sicher mehr als wir in den sechs Tagen im Ankerraum. Vielleicht aber war es gerade der Gedanke an dieses Öl, der mich aufrecht hielt und meine Angst im Zaum. Denn ja, die hatte ich, ich spürte sie förmlich in den Magen kriechen. Der Kleinere von beiden öffnete eine Tür. Der Raum, in den wir traten, war kleiner, als ich erwartet hatte. Grobe Steine bildeten die Wände, der Boden war ebenfalls aus Stein, es gab kein Fenster. Nur zwei Tische, ein größerer, um den vier Stühle standen, einer auf der einen Seite, drei auf der anderen, und ein kleinerer, der etwas seitlich stand. An ihm saß eine Schreiberin. Ich sah, dass sie schon schrieb, als ich eintrat.
In der Mitte, genau mir gegenüber, saß ein Mann. Er passte zu den beiden anderen, seine Ausstrahlung war noch ein wenig härter, und ich spürte, wie ich schlucken musste, als er mir zunickte. „Marreke. Setz dich."
Kein Bitte, kein Schön, dass du hier bist. Nein.
Ich setzte mich, der Stuhl war kalt, und meine Augen huschten herum, während meine Begleiter sich ebenfalls setzten. Sie nahmen ihre Kapuzen nicht ab, etwas, das wir dort oben, draußen, immer taten. Kapuzen waren für draußen, für den Wind, den Regen. Drinnen war es höflich, sie abzunehmen.
Ich spürte meinen Puls pochen, als der Mann in der Mitte zu mir sagte: „Ein Glas Wasser? Es ist kurz nach dem Riegel, das ist mir bewusst, aber wir müssen dich sprechen." Ich nickte leicht. Es war unnormal, so früh nach dem Riegel jemanden zu so etwas zu laden, wir alle waren noch schwach und holten noch nach. Von daher nahm ich das Wasser mit einem leisen „Danke" an. Die Schreiberin hatte es mir hingestellt, dann setzte sie sich wieder und schrieb.
Aus den Augenwinkeln sah ich, dass sie die Zunftschrift verwendete, dieselbe, die ich gelernt hatte. Wie sollte ich jemals Buch führen, wenn ich nicht lesen und schreiben könnte. Auch wenn mir klar war, dass es nicht die Schrift des Ordens war.
Wieder wollten meine Gedanken abtauchen. Ich zwang mich, einen Schluck Wasser zu trinken.
„Du warst die Schließerin, die die Neunte verschlossen hat?", begann der Mittlere.
Ich nickte, denn es war dokumentiert, ich wusste, Bewe hatte alles aufgeschrieben, und warum sollte ich lügen. Ich hatte keinen Grund dazu. „Ja, das war ich."
Er sprach gleich weiter. „In welchem Zustand war die Halle?"
Ich erinnerte mich genau, und so war es ein Leichtes, ihm zu antworten. „Sie war sauber gekehrt worden, alles war ordentlich an seinem Platz, nur die Menschen waren nicht da." Kurz stockte ich, weil ich sehen konnte, lesen konnte, wie die Schreiberin etwas ganz anderes notierte.
Ein Räuspern brachte mich zurück. Sicher wussten alle im Raum, dass ich lesen konnte, aber es war mir nicht erlaubt, über Kopf mitzulesen, auch wenn mein Geist das in Sekundenschnelle tat. Ich verbarg es schnell wieder.
Denn die nächste Frage war die nach Orrun. „Kanntest du den Schließer, der die Halle eigentlich hätte schließen sollen?"
Ich wog leicht den Kopf. „So gut, wie man jemanden kennt, mit dem man arbeitet und die Zeit der roten Sonne verbringt. Wir hatten keine nähere Bekanntschaft."
Was ausschloss, dass wir uns je berührt hätten. Zugegeben, ich hätte gern einen Mann gefunden, aber bis jetzt hatte sich das schlicht nicht ergeben, und ich war noch jung genug, um der Sache Zeit zu geben.
Nun war es der Rechte, der Große, der mich begleitet hatte. „Ist dir sonst noch etwas aufgefallen? Jede Kleinigkeit kann wichtig sein, die Familien verdienen eine Aufklärung." Ich fühlte mich seltsam schuldig, auch wenn ich es gar nicht war. Ich überlegte noch einmal, dann sagte ich: „Nur der Besen. Der Besen stand noch in der Halle. Es war seltsam, sie war gekehrt und ordentlich, warum also hat jemand den Besen nicht weggeräumt?"
Wieder huschten meine Augen kurz zu der Schreiberin, die etwas aufschrieb, was ich im Kopf übersetzte mit: Flucht.
Warum sollten die Menschen geflohen sein, und wovor?
Wieder fixierte mich der Mann in der Mitte. „Gut. Wir werden dich zur Ermittlerin in dieser Sache machen."
Meine Augen weiteten sich leicht. Ich hatte davon gehört, dass der Orden manchmal einen von uns auswählte, um die Dinge in ein Licht zu rücken, in dem man erkennen konnte, was geschehen war. Doch ich war dazu eigentlich viel zu jung. Es kam mir seltsam vor, aber natürlich sprach ich es nicht aus.
„Was, was soll ich tun?", hörte ich mich stattdessen sagen. Meine Handflächen waren leicht feucht vom kalten Schweiß.
Wieder war die Stimme ein klarer Befehl, nichts, was irgendwie angenehm anzuhören war. „Wir erwarten einen vollständigen Bericht nach zwei Nächten. Wohin sind die Menschen gegangen? Du bist Schließerin, du weißt das besser als jeder andere. Gibt es Überreste, und wenn ja, wo liegen sie."
Ich nickte leicht und spürte, wie meine Stimme leicht zitterte. „Natürlich, wenn Ihr das wünscht, versuche ich etwas herauszufinden."
Der Kleinere war es, der darauf antwortete. „Nicht versuchen. Wir erwarten Ergebnisse. Du kannst gehen."
Damit erhoben sich die anderen. Es gab keinen Moment, in dem ich hätte nachfragen können.
Noch an der Tür wurde ich noch einmal aufgehalten. „Und es versteht sich von selbst, dass du mit niemandem über die Aufgabe sprichst. Außer mit uns."
Kurz leuchtete in meinem Kopf auf, dass in zwei Nächten die gelbe Sonne aufgehen würde und die Spuren dann vielleicht verloren wären. Es machte auf eine Art Sinn, was man mir sagte. Ich war gewohnt, nicht zu widersprechen, also nickte ich noch einmal, dann ging ich hinaus.
Der Weg zurück, allein durch den langen Flur, flößte mir noch mehr Respekt ein. Dabei erinnerte ich mich vor allem an die Schreiberin, deren letzte Wörter ich beim Vorbeigehen gelesen hatte. Bericht unwichtig.
Warum war er unwichtig, wenn ich ihn doch abgeben sollte? Irgendetwas schien nicht zu stimmen, und mein Bauchgefühl meldete sich deutlich.
Ich schob es zur Seite. Ich war hungrig, ich musste zurück an die Sonne und noch auftanken, ich hatte gestern nicht genug bekommen. Doch meine Aufgabe musste auch erledigt werden. Mit dem Gedanken, wie ich es anstellen sollte, verließ ich das Gebäude, das aussah wie ein trutziger Palast. Ich sah zu einer der Lichtterrassen. Sollte ich mich nur eine Stunde aufladen oder gleich losgehen?
Ich sah zurück. Das ungute Gefühl wich nicht. Dann entschloss ich mich, doch erst einmal zur Neunten zu gehen. Vielleicht würden sich dort meine Gedanken klären.