Die letzte Runde
Kathy · 17.08.2026
Kapitel 1 — Kathy. Marreke, Festland, Ostspirale, Stunden vor dem Riegel.
Schon gestern schmeckte ich den Rost, er war immer das erste Anzeichen, und dagegen half nicht einmal Wasser trinken. Ich hätte auch versuchen können, gegen den Himmel anzutrinken, helfen würde es nicht. Wir hatten noch ein paar Stunden. Ich wusste es, die anderen wussten es, und es war schlicht unsere Arbeit, die Menschen wegzuschließen, bevor sie einander umbrachten.
Bewe an meiner Seite hatte den Rost erst seit dem Morgen. Sie war hell, fast so hell wie die Leute aus den Gassen, wo die Häuser eng standen und es kaum Licht bis auf die Straße schaffte. Ich war dunkel bis in die Handflächen, meine Mutter war es gewesen und deren Mutter auch, und deshalb schmeckte ich es immer zuerst.
Als wir an der Neunzehnten ankamen, kippte das Licht. Noch sah man es kaum, aber es war ein Vorbote wie der Rost. Sechsundvierzig warteten schon auf uns, sie standen in Reih und Glied vor dem Eingang, so wie sie es immer taten. Sie hielten sich zum Teil an den Händen, Kinder waren auf den Armen ihrer Eltern. Niemand klagte, niemand rief etwas, alle wussten, was zu tun war.
Bewe schlug das Buch auf und begann, die Namen vorzulesen. Ein Mann ließ seine Frau los, noch bevor sie ihren Namen ganz gehört hatte. Sie ging hinein und stieg die wenigen Stufen nach unten, ohne sich nach ihm umzudrehen. So ging das immer, man verabschiedete sich vorher oder gar nicht.
Von unten hörten wir die Ketten, Eisen, das rasselte, an den Enden Manschetten aus Fischhaut, die in Lagen genäht dem Träger halbwegs Komfort boten. Die Neunzehnte hatte gute Manschetten, niemand rieb sich hier die Haut bis auf die Knochen auf. Ich hatte darüber nie wirklich nachgedacht, bis ich einmal eine Halle sah, in der man sich Faserbänder um die Handgelenke wickelte, weil es nichts anderes gab.
Ich zählte innerlich mit. Sallik arbeitete schnell, das tat er immer. Schnelligkeit war für uns geboten, die Ostrunde war nicht so lang wie die Westrunde, trotzdem sollten wir nicht bummeln. Kirre nickte ihm zu, als er nach oben kam, sie war es, die den Riegel mit einem Knirschen in die Verankerung schob. Ich war es, die den Schlüssel herumdrehte. Ich prüfte den Griff, so wie immer, dann folgte ich den anderen.
Bei der Achtzehnten blickten wir gleichzeitig nach oben auf das Dach, noch immer war das Loch nicht richtig geschlossen worden. Schwere Steine hielten Bretter an Ort und Stelle, einer der Steine war in die Kammer gefallen und lag nun dort. Es war beim letzten Gelbring passiert, ein Unwetter hatte das Dach beschädigt, doch wir sagten nichts dazu. Es war nicht unsere Aufgabe, unsere Aufgabe war die Tür.
Bei der Sechzehnten fehlte ein Kind. Die Mutter schrie, und Kirre schrie zurück, dass sie damit aufhören sollte. Doch sie hörte nicht auf. Ich stand daneben und spürte förmlich, wie mir das Schreien durch den Körper fuhr. Ich wollte, dass sie still war. Ich wollte es so sehr, dass ich einen Schritt auf sie zu machte, bevor ich es überhaupt kontrollieren konnte. Mein Blick ging kurz zum Himmel, ich wusste, woher es kam. Die Stunde der Kraft würde bald anbrechen, wir mussten uns beeilen.
Die Menschen gingen nach unten, während die Mutter flehte und um ihr Kind weinte. Es war Sallik, der es fand. Versteckt hinter einem Wasserfass. Es war noch ungezählt, es stand in keinem Buch. Ich sah auf das Kind, das sich an seine Mutter klammerte und nicht wusste, warum es so notwendig war, dort hinein zu gehen. Es würde lernen oder sterben, wie wir alle. Endlich konnten wir auch dort die Türe schließen. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Bewe etwas in ihr Buch eintrug. Sie machte das seit Jahren so, und niemand dankte ihr dafür, denn auch wenn das Kind ungezählt war, war es nun vermerkt.
Als wir an der Vierzehnten ankamen, kam die Kraft. Es kam wie immer ohne wirkliche Vorankündigung, ab jetzt würden die Dinge nur noch schwerer. Ich hob eine Bank an, die ich sonst nicht alleine hätte heben können. Ich stellte sie ab, mein Blick schärfte sich, da war ein Riss in der Wand, den ich vorher nie hatte sehen können. Bewes Kleid schärfte sich im Muster, und die Luft roch auf einmal anders. Ich griff nach der Tür, um sie zu öffnen, sie war leicht, und gleichzeitig traten die Adern meiner Haut noch deutlicher hervor, das Grün schimmerte fast wie ein Smaragd. Alle Farben nahmen zu, die Kraft kam, und wir mussten schneller werden.
Kirre sah mich an, doch ich schüttelte nur kurz den Kopf, ich hatte es im Griff. Die Kraft war etwas, das wir alle kannten, doch ich konnte es manchmal kaum glauben, und das war der Punkt: „Er hat die Kraft bekommen und ist rausgegangen …“ Diesen Satz beendete niemand von uns, denn es war ein Satz ohne Wiederkehr. Manchmal fand man im Frühjahr die Reste, dann begrub man sie, ohne je zu wissen, wer es war. Ich schüttelte die Gedanken ab, denn wir mussten weiter.
Die Elfte empfing uns. Unruhe herrschte dort, ein junger Mann diskutierte mit seinen Mitmenschen, er wollte in die Neunte, weil sein Bruder dort war. Kirre hörte ihm zu, bis er fertig war, und sagte dann: „Du gehst runter, oder du bleibst hier oben, deine Wahl.“ Er sah Kirre einen Moment an, dann ging er nach unten. Er sprach dabei, doch wir zwangen niemanden, jeder konnte seine Wahl selber treffen. Wir schlossen ab, was sich abschließen ließ, und was oben blieb, blieb oben.
Die Neunte gehörte eigentlich nicht zu uns, sie gehörte zur Westspirale, aber sie war weit größer. Heute lief Orrun diese, er war allein. Deswegen nahm Kirre sie an unser Ende mit, das passierte, und ich hinterfragte es so wenig wie sonst. Als wir jedoch ankamen, war dort niemand. Die Halle war leer, die Ketten mit den Fischmanschetten hingen offen in Reih und Glied, jemand hatte sorgfältig den Boden gekehrt. Ein fast fremder Geruch stieg mir in die Nase, meine Haut kräuselte sich leicht, während mein Blick über die leeren Reihen ging. Kurz schoss mir wie ein Blitz der junge Mann aus der Elften in den Sinn. „Gehen wir“, hörte ich Kirre sagen. Ich sah noch einmal kurz auf den Schlüssel in meinen Fingern, das Grün war noch deutlicher geworden, wir mussten zurück. Ich hinterfragte nicht, die Dinge waren, wie sie waren. Ich drehte den Schlüssel noch einmal in meinen Fingern, dann schloss ich ab. Es war meine Aufgabe, also tat ich sie.
Ein letzter Blick auf die Tür, dann folgte ich den anderen. Wir waren spät. Als wir ankamen, drehte ich mich noch einmal um und blickte gen Osten, der Himmel färbte sich kupfern, es war Zeit. Meine Hände umfassten die letzte Tür, die ich nun schloss, sie klickte leise, als sie einrastete.