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Die letzte Runde 2

Kathy · 18.08.2026 · Tag 91 im Großen Zyklus Rote

Der Geruch in unserer Ankerhalle war schwer und würzig; wie jedes Mal hatte jemand Gewürze verbrannt, damit es nicht nach uns roch. Wir taten das immer, aber es hielt nie länger als einen Tag, dann verflüchtigte sich der Geruch in die Wände. Die Lampen brannten in ihren Nischen, hinter schweren Eisengittern, geschützt vor unseren Händen. Es sah aus wie immer: ein Raum, der uns die nächsten Tage Schutz gab und der für mich gleichzeitig eine Art Zuhause war.

Ich legte den schweren Riegel vor die Tür, schob den Splint hindurch und befestigte das große Schloss. Es rastete mit einem deutlichen Laut ein. Ein letzter Blick auf den Schlüsselbund, der klimperte, dann legte ich ihn zu den anderen in die Kiste. Die Kiste stand auf einem Sockel, hoch genug, dass niemand von uns sie im Sitzen je erreichen würde.

Die zehn Stufen reichten, um jedem von uns klarzumachen, dass es keine Chance gab. Es war unerreichbar — nur nicht für die beiden, die dort neben mir standen. Kurz lächelte ich ihnen zu, ehe ich die zehn Stufen hinunterging. Langsam, gemessen. Die Kraft war immer noch in mir, aber ich hatte sie gut im Griff.

Ich setzte mich, zweite Bank, dritter Ring, jedes Mal derselbe Platz. Ich spürte, wie die warme Fischhaut sich um meine Gelenke legte, während ich sie schloss, erst links, dann rechts, mit dem Daumen. Die Kette war so kurz, dass meine Hände zwischen meinen Knien lagen. Nicht gerade bequem, aber es war so gedacht, und es war wichtig.

Die meisten Roten ging es gut. Man saß, man redete, und wenn einer oder eine gereizt wurde, dann redete jemand anders weiter, bis es vorbeiging. Irgendwann in diesen Tagen kippte aber immer einer. Es passierte öfter, als man dachte, und immer bei jemandem, bei dem man es nicht erwartet hätte. Dafür war die Kette da, für die Viertelstunde, in der ein Mensch nicht mehr er selbst war.

Bewe erhob ihre Stimme, öffnete das Buch und begann mit den beiden Bewahrern. So war es schon immer gewesen, und so würde es immer sein. Sie sprach den ersten Namen.

„Nissa."

„Nissa. Sechsundfünfzig."

Sie antwortete mit dem Stolz von jemand, deres schon oft gesagt hat. Sechsundfünfzig bedeutete, dass sie noch vier oder fünf Rote hatte, wenn das Glück mit ihr war. Dann würde ihr Grün zu dunkel sein, und sie ginge mit uns die Stufen.

„Boll" lautete der nächste Name. Es dauerte, und es kam so leise, dass wir es kaum hören konnten. Die Nervosität durchdrang förmlich den Raum. Bewe lächelte und fragte noch einmal nach. Jetzt platzte es laut aus ihm heraus.

„Boll, siebenundzwanzig!"

Ein paar von uns lächelten. Wir alle erinnerten uns an dieses erste Mal, als wir unsere Zahl in den Raum gerufen hatten, als sie noch so klein war und wir stolz auf sie. Siebenundzwanzig. Er hatte also seine erste Rote hinter sich, seit er laufen konnte. All die anderen hatte er verschlafen, wie die meisten Kinder, ohne zu wissen, warum wir unter der Erde waren. Jetzt aber saß er neben Nissa auf dem Sockel und würde es wissen.

Nur die beiden Bewahrer sagten ihre Zahl, wir anderen nicht. Warum auch — es hatte keinen Sinn mehr, wenn man einmal die zehn Stufen gegangen war. Man zählte für sich, und wenn jemand fragte, wie viele man gesehen hatte, dann antwortete man oder eben auch nicht. Die Zahl sagte nichts mehr aus, als dass man immer noch am Leben war.

Ich sah, wie Nissa und Boll nun aufstanden. Boll griff nach Nissas Hand, seine Wangen glühten rot vor Aufregung, und wieder kam ich nicht umhin, daran zu denken, wie es für mich gewesen war, das erste Mal diesen Satz zu sagen, der alles für sie bestimmte.

„Wer bittet, wird nicht gehört. Ich schließe auf, wenn die Sonne vergangen ist."

Ich hatte sechsundzwanzig Rote gesehen, als ich das erste Mal dort oben saß. Meine Mutter saß unten, zweite Bank, zweiter Ring. Ich sah es noch vor mir, auch wenn sie längst nicht mehr da war. Ich hörte ihre Stimme, als sie am dritten Tag zu mir sagte, ich solle aufschließen. Ihr Ton war warm gewesen. Sie sagte, es sei ein Irrtum, ich solle kein dummes Kind sein, es sei längst vorbei und wir könnten hinaus. Ich hatte damals nicht geantwortet, wie ich es nie getan habe. Denn wer antwortet, der verhandelt schon; das ist der Sinn dieses Satzes, den wir lernen und der für uns Ehre und Pflicht zugleich ist.

Das eigentlich Merkwürdige war, dass wir danach nie wieder darüber gesprochen haben. Was hinter dem Riegel passierte, blieb dort. Es gab keine Aussprache, es gab kein Gespräch, obwohl wir beide wussten, was geschehen war. Es war das Erste, was ich über den Riegel lernte: dass man sich erinnert und trotzdem so tut, als sei nie etwas gewesen — und dass alle mitmachen.

Bei einundsechzig ging ich die Stufen, hinunter auf den Platz, auf dem ich jetzt saß und auf dem Bewes Stimme an mein Ohr drang, während sie die einzelnen Namen aufrief. Ich erinnerte mich, dass bei diesem ersten Mal niemand etwas Feierliches sagte. Man saß einfach da und legte sich zum ersten Mal selbst die Manschetten an, und oben saß jemand, den man selbst angelernt hatte. Es war der Moment, in dem man verstand, wie wenig zwischen den beiden Plätzen lag und gleichzeitig wie viel.

Ich hörte die Namen, die Antworten, dann war ich dran. „Marreke", sagte Bewe, und ich antwortete mit einem „Ich bin hier", und schon ging es weiter. Ich sah, wie Boll von einem zum anderen schaute, und dachte daran, wer es wohl sein würde, der dieses Kind in ein paar Stunden, Tagen, Minuten, wann auch immer, anbetteln würde, damit er aufschloss. Er würde erst dann begreifen, dass diese Person es nicht selbst war.In dieses Spiel aus Namen und Antworten fiel die Stille, die einen erfasst. Denn nun rief Bewe einen Namen auf, von dem wir wussten, er würde nicht hier sein. Wir alle wussten es.

„Orrun."

Es gab kein Raunen, es gab kein Tuscheln. Jeder von uns hatte längst gezählt und wusste, welcher Platz leer war. Wir hätten zweiunddreißig sein müssen, aber wir waren einunddreißig. Bewe wiederholte den Namen, wie es Brauch war, und noch ein letztes Mal, dann strich sie ihn mit dem Stift durch.So einfach und doch so grausam. Der Ankerraum war verschlossen; wer jetzt nicht hier war, würde nicht überleben. Das wussten wir alle, und für uns alle war das die Normalität des Seins. Als der letzte Name aufgerufen war, übergab Bewe das Buch an Nissa, die es zur Seite brachte. Ich spürte, wie die Bank sich senkte, als Bewe sich setzte. Unsere Blicke trafen sich, während auch sie sich die Manschetten umlegte.

Kurz schien es, als wäre die Stille fast zu laut, ehe Kirre es aussprach. „Die Neunte war offen. Die Ketten hingen in Reih und Glied, der Boden gereinigt, und niemand hatte dort gewartet."Es war eine Information, die wir alle aufnahmen. Wir alle wussten, es kam vor. Was auch immer die Menschen bewog, was Orrun bewogen hatte. Es gab keine Schuldzuweisung, kein Nachdenken; jeder entschied selbst, und die Dinge nahmen ihren Lauf.

Erst nach einigen Minuten, in denen Boll und Nissa es sich oben bequem gemacht hatten, forderte eine Stimme: „Erzählt die Geschichte von der Zwölften." Ich sah, wie Boll neugierig die Ohren spitzte. Es gab lange keine Zwölfte mehr, aber es gab ihre Geschichte. Jeder von uns kannte sie, und jeder wollte sie trotzdem hören. Wir schrieben nicht; das tat nur Bewe in ihr Buch.

Die Schrift gehörte dem Orden. Was wir wussten, wussten wir, weil wir es uns hinter dem Riegel erzählten und ein Kind danebensaß und es hörte. Es war Kirre, die zu erzählen begann. Ihre Stimme war ruhig und lag über uns, während draußen die rote Sonne am Himmel stand und in jedem Ankerraum die Dinge ihren Lauf nahmen.