Der Große
Kathy · 29.08.2026 · Tag 98 im Großen Zyklus Klarzeit
Mein Büro war ein großer Raum. Die schweren Möbel wirkten wuchtig, wie alles hier drin. Ich hatte die Kapuze abgenommen, hier war niemand, dem ich mein Gesicht verbergen musste. Rechts in meinem Blick kniete eines der Mädchen, schon seit fast drei Stunden. Jede Bewegung, die sie gemacht hatte, hatte ich mit einem kalten Blick quittiert. Mochten ihre Knie schmerzen, es interessierte mich nicht. Sie war hier, weil ich es mochte, eine nackte Sklavin hier zu haben.
Meine langen Finger fuhren über die Listen, die vor mir auf dem Tisch lagen. Schon seit heute Morgen sah ich sie mir an und war immer noch nicht durch. Neunzehn Hallen auf der Ostspirale, siebzehn auf der Westspirale, elf im Norden und sechzehn im Süden. Dahinter waren die Zahlen: belegt, frei oder verwirkt, gestorben. Es waren immer dieselben Spalten, dieselben Listen, aber sie hatten noch nie gestimmt.
Ein Kind, das zu spät gezählt worden war. Ein Mann, der sich seinen Platz nimmt, der nicht der seine ist. Jedes Mal verschieben sich Zeilen. Für all das hatten wir die Zunft, und die Zunft war ordentlich, trotzdem saß ich nach jeder Roten hier und überprüfte die Listen, vollzog nach, wer sich wo aufgehalten hatte.
Mein Blick ging erneut zu der leicht zitternden Frau. Ich sah in ihren Augen, dass sie sich nichts mehr wünschte, als dass ich endlich sagte, sie dürfe sich setzen, aber ich tat es nicht. Mein Blick ging über zwei Dinge auf dem Tisch zurück zu den Listen. Kurz blieben meine Augen an dem Ankerzeichen hängen und an der Münze. Ja, es war eine Münze. Ich hatte sie nicht mehr angefasst, seit sie da lag; es war einfacher, sie dort liegen zu haben, denn man gewöhnte sich daran, Dinge nicht anzufassen, wenn man sie nicht erklären wollte.
Reccer kam ohne Klopfen, wie immer. Er schob beim Eintreten schon die Kapuze zurück und warf einen kurzen Blick auf die zitternde Sklavin. Seine Stimme war bestimmt, und bevor ich eingreifen konnte, sagte er: „Raus.“ Dann erst wandte er sich an mich und setzte sich. Ich blickte ihn an und konnte dabei nicht übersehen, wie das junge Mädchen sich auf alle viere sinken ließ. Sie kroch zur Tür und verschwand, die Tür fiel mit einem leisen Geräusch ins Schloss.
„Also die Neunte“, sagte Reccer zu mir und gewann so meine Aufmerksamkeit ganz zurück. Ich lehnte mich im Stuhl zurück.
„Abgeschlossen. Sechzig, dazu der Schließer.“
„Sauber?“
„Bis auf den Besen.“
Er sah mich kurz ernst an. „Den Besen?“
Ich hob die Schultern, als wäre es mir ein Rätsel, und zu gewissen Teilen war es das am Ende ja auch. „Sie haben gekehrt und ihn stehen lassen. Sie kehren jedes Mal, und jedes Mal lassen sie irgendwas stehen.“ Ich schob die Liste zur Seite und lehnte mein Kinn kurz in meine Hände. „Es hat trotzdem niemand gefragt. Einen Tag später stand die Tür noch offen, wie die Schließerin sie gelassen hat. Keine Familie, kein Nachbar, niemand hat gefragt.“
„Sie fragen nie.“
„Sie fragen nie“, nickte ich.
Es war der Teil, den ich am wenigsten verstand, und ich hatte aufgehört, es zu versuchen. Sie zählten einander, nicht nur, weil wir es vorgaben, um zu wissen, ob genug Ware da war — nein, sie taten es bei jedem Aufruf. Sie merkten sich, wer welchen Platz hatte, welcher Platz leer war. Aber wenn eine ganze Halle fehlte, gingen sie zur Lichtterrasse und aßen. Was im Riegel war, war nicht. Sie hatten sich das selbst beigebracht, wir mussten nichts dazutun.
Reccer zog das Ankerzeichen zu sich und zählte die Kerben mit dem Daumennagel, so wie sie es tun. „Und die Schließerin?“
„Marreke. Sechsundachtzig Rote.“
„Jung.“
„Sie war gestern hier. Zweimal.“
Er wartete. Ich hatte den Bericht der Schreiberin danebenliegen und musste selbst nicht hineinsehen, um die Sache weiter zu berichten.
„Sie ist zum Hafen gegangen, ohne dass es ihr jemand gesagt hätte, wohin sie gehen muss. Nicht zu den Terrassen, was logisch gewesen wäre, nicht in die Viertel. Sie ist zu den Liegeplätzen.“ Ich zählte es an den Fingern ab, weil es sich so besser ordnen ließ. „Sie hat die Spuren im Staub gelesen und daraus geschlossen, dass niemand geflohen ist. Sie hat einen Alten gefragt, woher die Schiffe kommen. Sie hat festgestellt, dass die beiden Liegeplätze leer sind, und sie weiß, dass sie das vorher nicht waren, weil ihre Buchführerin aufschreibt, wann die Schiffe da sind.“
Reccer sah auf.
„Ja“, sagte ich. „Die schreiben das auf. Einfach so.“
„Und dann?“
„Dann hat sie das Ankerzeichen und die Münze aus dem Dreck gegraben. Sie lagen nicht mal drei Schritte auseinander. In einer halben Sonne, ohne etwas aufzuschreiben — ich habe ihre Hände geprüft, es war nichts dran.“
Reccer legte das Ankerzeichen zurück auf den Tisch, genau dorthin, wo es gelegen hatte; in solchen Dingen war er sehr genau. „Sie hat die Münze in der Hand gehabt?“, fragte er mich.
„Sie hat sie sich wohl angesehen. Sie hat sie immerhin gefunden, und ich gehe davon aus, dass sie versucht hat, sie zu lesen.“
„Zu lesen?“
„Sie liest“, sagte ich. „Sie behauptet, nur Zunftschrift, aber ich glaube ihr nicht.“ Ich machte eine kurze Pause und erinnerte mich an den Moment. „Am Morgen, als wir sie verhört haben, hat sie über Kopf über den Tisch gelesen, was die Schreiberin notierte, und das, während sie befragt wurde. Ich habe es gesehen, und sie hat gesehen, dass ich es gesehen habe. Danach hat sie sehr genau darauf geachtet, es nicht mehr zu tun.“
Reccer schwieg.
Er wusste so gut wie ich, was auf dem Blatt stand, das die Schreiberin hatte. Es stand dort, bevor Marreke den Raum betreten hatte, bevor ich sie zur Ermittlerin machte.
„Wie viel versteht sie?“ Reccer hob den Kopf, und seine dunklen Augen fixierten mich.
„Noch nicht genug.“
„Noch nicht.“
„Sie hat den Besen bemerkt“, sagte ich. „Von einunddreißig, die in dieser Halle gesessen haben, hat eine den Besen bemerkt.“ Ich sah kurz zu der flackernden Lampe über mir; ich musste Öl nachfüllen lassen. Doch noch während ich daran dachte, vergaß ich es auch schon wieder, denn etwas anderes kam mir in den Sinn, was ich Reccer erzählen musste.
„Außerdem weiß sie, wann es vorbei ist. Wann die Rote geht.“
Einen Moment herrschte Schweigen zwischen uns, und Reccer hob die Hand, dass ich das erklären sollte.
„Sie hat es nicht direkt gesagt, aber sie hatte gesagt, sie hat es gezählt. Sie kennt keine Stunden, keinen Schlag, aber sie erkennt, wann es passiert und wann es vorbei ist. Wie ihre Mutter.“
Einen Moment sah ich in Reccers Augen etwas aufblitzen; die Erinnerung schien ihn kurz zu beschäftigen. „Sie war schön.“
Ich nickte leicht. „Sie hatte die Gabe, und ihre Mutter davor, und nun scheint es das Mädchen auch zu haben.“
„Ohne die Zunge.“ Reccers Worte hingen einen Moment in der Luft, und ich nickte, wiederholte seine Worte. „Ohne die Zunge.“
Wir hatten das Fragment, das wir die Zunge nannten, seit Anbeginn, und es zählte zuverlässig. Wir lasen die roten Sonnen ab, richteten die gelben danach aus, weil es immer gleich war: Alle neunzig Tage kam eine rote Sonne, die gelben wanderten. Es hatte nie falsch gelegen. Die Hallen, die Ordnung, alles entstand aus diesem Kreislauf. Eine Frau, die es auch ohne uns weiß, ist kein Wunder. Sie ist eine zweite Stimme.
„Sie hat niemandem davon erzählt“, erklärte ich ihm. „Sie hält es für etwas, das ihr niemand glauben würde.“
„Bis es jemand glaubt.“
„Bis dahin.“
Ich zog die Liste wieder zu mir. Ich fuhr mit den Fingern über die Liste, bis ich zu der Ankerhalle der Zunft kam. Zweiunddreißig Plätze, und einunddreißig davon waren besetzt nach dem Abgang des Schließers.
„Morgen“, sagte ich. „Der Ring kommt heute Nacht, es weht schon. Bei dem Wetter ist die Küste leer, und es ist alles veranlasst.“
„Riskierst du, dass jemand fragt, warum ein Boot hinausgeht?“ Seine Stimme klang zweifelnd.
„Es wird niemand fragen. Sie werden drinnen sitzen und ihre Läden festnageln.“ Ich schrieb den Namen auf ein Blatt gepresster Faser, eine Liste, die vor Kurzem sechzig neue Namen bekommen hatte und nun einen weiteren.
„Ich hab ihr gestern gesagt, sie soll drinnen bleiben. Daran wird sie sich erinnern und es erzählen, dass ich mir Sorgen mache.“
Reccer erhob sich. „Sie wird einen Bericht in der Zunft abgeben?“
Ich schüttelte den Kopf. „Sie wird nichts sagen.“
Er wandte sich zur Tür, und ich hätte es dabei belassen können, aber ich sagte ihm: „Ich hab ihr mein Gesicht gezeigt.“
Reccer sah mich einen langen Moment an, seine Hand löste sich von dem Türgriff. „Wann?“
„Gestern. Bevor ich sie gehen ließ.“
„Du wusstest es also schon?“
„Ich wusste es, als sie mir die Münze auf den Tisch legte und nichts dazu fragte.“ Reccer schien zu überlegen und sah dabei auf die Münze. „Sie hat nicht gefragt, was das ist, sie hat auf mich gewartet. Sie kam aus der Roten, sechs Tage im Keller, war einen halben Tag gelaufen, hat zwei Dinge gefunden, die niemand hätte finden sollen, eins davon ist ihr unbekannt — und sie fragt mich nicht. Im Gegenteil, sie stand da und wartete ab, was ich tue.“
Reccer sagte nichts. Er schien zu überlegen, ob noch Worte wichtig waren, aber das waren sie schon nicht gewesen, als er hereingekommen war. Ich nickte leicht, als er ging. Er ließ die Tür ein Stück offen; das tat er immer, wenn er nicht einverstanden war. Ich ahnte, warum. Sie war hübsch, und ihre Mutter war es auch gewesen. Aber es war vernünftig und so oder so schon lange beschlossen.
Ich blieb noch eine Weile sitzen, bevor ich mich erhob. Dieser Teil des Palastes war mit schweren Vorhängen durchzogen, der Boden gepolstert mit dicken Teppichen, die man mühevoll mit der Hand geknüpft hatte. Ich überquerte ein paar Gänge und zog die Kapuze über den Kopf, als ich in den Innenhof trat.
Das satte Grün empfing mich, die Wege waren aus weißem Schotter, es duftete. Ich blickte in die Käfige, sie waren alle leer. Nur an einer Wand saßen noch zwei Sklavinnen. Sie zuckten, als sie mich sahen, und fielen vor mir auf die Knie, die Stirn auf den Boden gedrückt. Ich blickte von oben auf sie herab. Sie trugen fast nichts — warum auch so einen Aufwand betreiben.
Einen Moment ließ ich sie warten. „Du.“ Ich stieß eine an. „Geh in meine Gemächer.“ Sie zuckte, das taten sie immer. Es war mir egal, es war ihre Aufgabe, darum waren sie hier. Das andere Mädchen rührte sich nicht. Ich ahnte, dass sie froh war, nicht gewählt worden zu sein, aber auch das interessierte mich nicht länger.
Ich ging mit einem letzten Blick auf den Himmel, der sich immer düsterer zuzog. Der Wind würde zunehmen, und ein Schicksal würde seinen Lauf nehmen, so wie es immer war.